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|  | Wer nicht dopen wollte, flog raus Geschrieben am Mittwoch, 19.März. @ 12:55:02 CET |
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- das war auch im Westen so
Quelle: Ärzte Zeitung, 06.10.1999
Diskussion während des 14. Sportwissenschaftlichen Hochschultags in Heidelberg / Doping-Experte Professor Gerhard Treutlein:
Siegen um jeden Preis? Diese Maxime hat wie in der ehemaligen DDR auch in der Bundesrepublik gegolten, und noch heute folgt die Logik des Spitzensports dem allein erfolgsorientierten und nicht auf Nebeneffekte achtenden Handeln: Das ist das Resümee des Sportwissenschaftlers Professor Gerhard Treutlein aus Heidelberg und des Mainzer Journalisten Andreas Singler, vorgetragen beim 14. Sportwissenschaftlichen Hochschultag der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft in Heidelberg.
Anabolikadoping habe sich im westdeutschen Spitzensport seit Anfang der 60er Jahre zuerst in Kraftsportdisziplinen, dann in Schnellkraftdisziplinen und später im Ausdauersport flächendeckend ausgebreitet, wobei das Frauendoping in der Bundesrepublik etwa zehn Jahre später als im Männersport systematisch eingesetzt worden sei.
Der Unterschied zwischen den beiden deutschen Staaten: "Im Westen gab es zwar Duldung, Mitwisserschaft und stillschweigende Förderung bis hin zu höchsten Funktionärkreisen, aber keine geschlossene Verbandskonzeption oder gar ein Staatsplanthema wie in der DDR", so die Referenten, die gerade deshalb das Handeln der Akteure im Westen als genauso perfide bezeichnen wie jenes im Osten.
In der Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit der Bundesrepublik habe man das Phänomen des "Drop-outs" durch Doping noch wenig beachtet, so Treutlein. Dies habe es aktiv wie passiv gegeben. "Dopingresistente" Sportler seien dadurch dem Spitzensport entweder aktiv (durch Austritt aus der Mannschaft) oder passiv (durch Nichtzulassung zu den Bundeskadern) verlorengegangen.
Das Ausscheiden etlicher Dopinggegner seit Anfang der 70er Jahre hat nach Einschätzung der Doping-Experten den Anabolika-Mißbrauch eher noch beschleunigt, da die bremsenden Elemente aus dem Spitzensport weitgehend verschwunden waren. Die Bereitschaft, Anabolika zu konsumieren, scheint auch im westdeutschen Sport bereits in den Jugendkadern eine wichtige Rolle gespielt zu haben. So habe der Sportmediziner Theodor Hettinger bereits 1971 ein verbreitetes Nachwuchsdoping in bestimmten dafür anfälligen Disziplinen wie etwa dem Kraftsport beklagt. Diese Mahnung habe aber keineswegs der damals vorherrschenden Sportmediziner-Meinung entsprochen. Im Gegenteil sei von führenden Sportmedizinern wie dem heutigen Präsidenten des Deutschen Sportärztebundes, Professor Joseph Keul, die Meinung vertreten worden, daß Anabolikaeinnahme in sogenannten therapeutischen Dosen und unter ärztlicher Kontrolle unbedenklich sei, sagte Treutlein.
Im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte habe die Doping-Problematik groteske Züge angenommen, es komme zum Phänomen des Dopings wider Willen. Sportler sehen sich nicht als Betrüger, sondern als Opfer der Verhältnisse: Sie müßten dopen, um national und international mithalten zu können.
Viele Sportler sind gegen die Freigabe von Doping
Viele Sportler seien gegen die immer wieder geäußerte Freigabe von Dopingmitteln. Dies zeige, folgerte Treutlein, daß sich die Sportler im Grunde einen Zustand wünschen, in dem ihr eigenes Doping gar nicht notwendig wäre.
Der Ruf nach Freigabe von Dopingmitteln mute auch als Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und Resignation bezüglich einer erfolgreichen Dopingbekämpfung an. Vor diesem Hintergrund forderten die Referenten einen entschiedenen Anti-Doping-Kampf, nicht zuletzt aus der Verpflichtung zum Schutz der "sauberen" Athleten und um Rationalisierungsformeln von Sportlern, die ihr Dopen mit der Opferrolle begründen, zu begegnen.
Welche Lehren sind aus den Doping-Praktiken der DDR zu ziehen? Dr. Giselher Spitzer aus Potsdam zufolge lehre die Erfahrung aus der DDR zum einen, daß der Versuch einer begrenzten Freigabe von Doping-Mitteln zum Scheitern verurteilt sei. Nachweislich sei eine Beschränkung selbst in dem scharf überwachten DDR- Staat nicht Wettkampfkontrollen allein reichen nicht aus
Außerdem gebe es keine Schwellendosis für Dopingmittel, womit sich eine Freigabe erübrige. Alleinige Wettkampfkontrollen seien nicht ausreichend, da sie unterlaufen werden könnten und zu gesundheitlich hochriskantem "Überbrückungs"-Doping führten. Sie seien durch unangekündigte weltweite Trainingskontrollen zu ergänzen.
Anstelle einer Negativliste von Doping-Medikamenten müsse eine Positiv-Liste mit zugelassenen Präparaten und Methoden erstellt werden. Was nicht auf der Positivliste stehe, falle unter Doping. Nur so könnte Rechtssicherheit erreicht werden. Spitzer forderte schließlich unabhängige Dopingkontroll-Agenturen und zusätzliche Blutanalysen zu den manipulierbaren Urin-Untersuchungen, zumal die Blut-Untersuchungen bereits in der DDR zur internen Information erfolgreich vorgenommen worden seien.
Ein Doping-Folgeregister hält er für geboten, in welchem die tatsächlichen Nebenwirkungen von Dopingmitteln aufgeführt sind. Nur so könne einer Verharmlosung entgegengewirkt werden. In Ostdeutschland müsse man als Spätfolgen des kriminellen Zwangsdopings mit 500 Krebs- oder Todesfällen rechnen, schätzt der Sportwissenschaftler. Eine Opferhilfe für die Betroffenen durch Information und Beratung sei dringend geboten. Ingeborg Bördlein
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